Händler an der New York Stock Exchange
marktbericht

Neue Zinsängste Viel Nervosität an der Wall Street

Stand: 04.04.2024 22:24 Uhr

Bei nervösem Handel sind die großen US-Aktienindizes im Verlauf noch deutlich ins Minus gerutscht. Kommentare aus der Notenbank Federal Reserve sorgten für einen kräftigen Abverkauf.

Die US-Börsen haben heute schwächer geschlossen. Bei nervösem Handel drehten die großen Indizes in der zweiten Sitzungshälfte noch deutlich ins Minus, nachdem der Markt zuvor mit soliden Gewinnen in den Tag gestartet war.

Der Leitindex Dow Jones gab 1,35 Prozent oder 530 Punkte nach auf 38.596 Punkte. Im Tageshoch hatte der Dow noch bei 39.421 Zählern deutlich im Plus gelegen. Auch die anderen großen Indizes verzeichneten eine veritable Berg- und Talfahrt. Die technologielastige Nasdaq sackte um 1,4 Prozent ab, nachdem sie zuvor die deutlichsten Gewinne verzeichnet hatte. Der marktbreite S&P-500-Index ging bei 5.147 Zählern um 1,23 Prozent leichter aus dem Handel. Hier lag das Tageshoch bei 5.257 Punkten.

Ursache für den Ausverkauf waren Äußerungen von Fed-Banker Neel Kashkari, dem regionalen Notenbankpräsident von Minneapolis. Seiner Einschätzung nach könnte möglicherweise in diesem Jahr keine Zinssenkung nötig sein. Dies gelte für den Fall, dass der Fortschritt bei der Inflationssenkung ins Stocken gerate.

Die Preisentwicklung im Januar und Februar sei "etwas beunruhigend" gewesen. Er müsse mehr Fortschritte bei der Inflation sehen, um Vertrauen zu haben, dass sich die Entwicklung dem Ziel der US-Notenbank von zwei Prozent nähere. Dann erst könne man mit Zinssenkungen beginnen, so Kashkari.

Ein Schock für die Anleger, ging es doch zuletzt nur noch darum, wann die Fed die Zinsen senken würde. Morgen werden die Arbeitsmarktdaten für den März erwartet, ein zentraler Baustein für die Fed-Geldpolitik.

Dabei fing der Tag vielversprechend an. Denn die Wall Street wurde zunächst von überraschend schwächer als erwartet ausgefallenen wöchentlichen Daten vom Arbeitsmarkt beeinflusst. In der vergangenen Woche legte die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe um 9.000 auf 221.000 zu, wie das Arbeitsministerium in Washington mitteilte. Volkswirte hatten im Schnitt nur mit 214.000 Anträgen gerechnet.

Die Zahlen gaben den Zinsbullen wieder Auftrieb, nachdem am Mittwoch mehrheitlich noch starke Wirtschaftsdaten vorgelegt wurden. Dabei hatte Notenbank-Präsident Jerome Powell die abwartende Haltung der Fed ein weiteres Mal bekräftigt. Denn insgesamt deuten auch die wöchentlichen Daten auf diesem Niveau weiter auf einen sehr robusten Arbeitsmarkt hin, was nicht für schnelle Zinssenkungen spricht.

"Am Markt wird seit drei Monaten inzwischen über die Diskrepanz zwischen den Zinssenkungserwartungen und der wirtschaftlichen Realität diskutiert", sagte Stephen Innes, Managing Partner bei SPI Asset Management. Sollte der US-Jobbericht am Freitag die Erwartungen übertreffen, insbesondere wenn er mit starken durchschnittlichen Stundenlöhnen einhergeht, "könnte dies für Aktien zur Stunde der Wahrheit werden".

Der DAX hat sich heute in engen Bahnen zwischen 18.340 und 18.421 Punkten bewegt. Vor den morgigen US-Arbeitsmarktdaten gingen auch die heimischen Anleger keine großen Risiken mehr ein, was aber nicht ungewöhnlich ist. Der DAX schloss am Ende bei 18.403 Punkten, ein moderater Tagesgewinn von 0,19 Prozent.

Auch eine freundliche Wall-Street-Tendenz bescherte dem Markt keine stärkeren Gewinne mehr. Im Gegenteil, nachbörslich fiel der Index im Sog der Wall-Street-Schwäche deutlich zurück. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist traditionell eines der wichtigsten Kriterien für die Zinspolitik der US-Notenbank Federal Reserve (Fed). Deren Entscheidungen beeinflussen die Kapitalmärkte weltweit. Stärker legte der MDAX der mittelgroßen Werte zu, der 0,78 Prozent vorrückte.

Nach dem langen Osterwochenende war das deutsche Börsenbarometer am Dienstag zunächst bis auf ein Rekordhoch von 18.567 Zählern geklettert, bevor im Sog einer schwächeren Wall Street Gewinnmitnahmen eingesetzt hatten. Gestern folgte eine leichte Erholung, da sich die Inflation in der Eurozone im März überraschend stark abgeschwächt hatte und damit den Hoffnungen auf eine erste Leitzinssenkung im Juni durch die Europäische Zentralbank (EZB) frischen Auftrieb gab.

Update Wirtschaft vom 04.04.2024

Bettina Seidl, HR, Update Wirtschaft, 04.04.2024 09:00 Uhr

Am Devisenmarkt legte daraufhin der Euro zu und erreichte bei rund 1,0870 Dollar sein Tageshoch. Zuletzt wurde er im US-Handel bei 1,0850 Dollar wieder schwächer gehandelt. Die Europäische Zentralbank setzte den Referenzkurs auf 1,0852 (Mittwoch: 1,0783) US-Dollar fest.

Die am Vormittag veröffentlichten Konjunkturdaten aus der Eurozone stützten den Euro zunächst fundamental. So signalisierte der Einkaufsmanagerindex für die Region erstmals seit einem Jahr wieder Wachstum. "Endlich mal wieder gute Nachrichten - der Dienstleistungssektor der Eurozone fasst allmählich Fuß", schreibt Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt des S&P-Partners Hamburg Commercial Bank.

Bewegung gab es auch am Goldmarkt. Das gelbe Edelmetall drehte nach anfänglichen Gewinnen ins Minus, um sich am Abend wieder zu erholen. Im frühen Handel hatte Gold zuerst bei 2.305 Dollar ein frisches Rekordhoch markiert, zuletzt wurden 2.300 Dollar bezahlt. Es ist vor allem die Aussicht auf langfristig sinkende Zinsen, die den Goldpreis schon seit Wochen nach oben treibt.

Das Nordseeöl Brent zog am Abend ebenfalls noch deutlicher an. Zuletzt kostete ein Fass der Nordseesorte Brent etwas mehr als 90 Dollar, ein Plus von 1,3 Prozent. Damit überspringt der Preis sein zur Wochenmitte markiertes Fünf-Monats-Hoch von 89,99 Dollar. Spekulationen auf ein Anziehen der Konjunktur in den USA und China treiben die Preise laut Händlern nach oben.

Im DAX gehörten Auto-Aktien zu den größten Gewinnern. BMW führten mit einem Plus von rund 2,5 Prozent die Gewinnerliste an. Positive Branchennachrichten geben Auftrieb: Der schwedische Autobauer Volvo Cars hat im März einen Absatz-Rekord eingefahren. Insgesamt fielen die Absatzzahlen im März aber schwächer aus, was aber zum Teil daran liegt, dass der März 2024 drei Arbeitstage weniger hatte als im Vorjahr.

Tagessieger waren Siemens Energy, die über drei Prozent zulegten. Symrise gaben rund 1,6 Prozent nach und standen damit nach Gewinnmitnahmen am Indexende.

Der Chef der Volkswagen-Truckholding Traton sieht in Europa auch bei Nutzfahrzeugen harte Konkurrenz aus China aufziehen. Chinesische Elektrobus-Anbieter hätten sich in recht kurzer Zeit gut aufgestellt, vor allem dank ihres Zugangs zu sehr guter Batterietechnologie, sagte Christian Levin der Nachrichtenagentur Bloomberg. "Wenn man das hochrechnet und sich Lastkraftwagen ansieht, kann man sich eine ähnliche Entwicklung vorstellen."

Traton-Aktien gehörten im SDAX dennoch zu den größten Gewinnern und profitierten von positiven Analystenkommentaren. Im bisherigen Jahresverlauf ist die Aktie des Nutzfahrzeug- und Busherstellers mit einem Plus von etwas mehr als 60 Prozent die mit Abstand am besten gelaufene Aktie im SDAX. Sowohl die UBS als auch Warburg Research erwarten mit Blick auf den am 26. April anstehenden Quartalsbericht eine Fortsetzung des Erfolgskurses des Nutzfahrzeugherstellers. Vor allem die Marke Scania dürfte stark in das Jahr 2024 gestartet sein, schrieb etwa Warburg-Analyst Fabio Hölscher.

Im SDAX gehörte die Compugroup-Aktie mit einem Plus von über sieben Prozent ebenfalls zu den Gewinnern. Die US-Investmentbank Morgan Stanley hat die Software-Aktie auf "Overweight" hochgestuft, allerdings das Kursziel auf 37 Euro belassen. Analystin Laura Metayer sieht angesichts der geringen Bewertung der Aktie in deren Kauf eine "seltene Gelegenheit".

Der taiwanische Chiphersteller TSMC ist bei dem schweren Erdbeben in seinem Heimatland glimpflich davongekommen. Die wichtigsten Anlagen seien nicht beschädigt worden, teilte das Unternehmen heute in Hsinchu mit. Keine 24 Stunden nach dem Beben sei die Produktion wieder angelaufen. TSMC hatte seinen Betrieb am Mittwoch gestoppt und seine Beschäftigten in Sicherheit gebracht. Das Unternehmen gilt als einer der wichtigsten Chip-Produzenten weltweit, ein Ausfall wäre kaum zu ersetzen gewesen. Für Taiwan war das Erdbeben das schwerste seit fast 25 Jahren

Der US-Autobauer Ford verschiebt wegen zu schwacher Nachfrage die Markteinführung von zwei Elektromodellen. Das ursprünglich für 2025 geplante SUV mit drei Sitzreihen, das im kanadischen Oakville produziert werden sollte, komme jetzt erst 2027, teilte Ford heute mit. Die nächste Generation eines elektrischen (EV) Pickup-Trucks werde ab 2026 statt 2025 ausgeliefert. Ford will sich unterdessen stärker auf Hybrid-Fahrzeuge fokussieren, da die Nachfrage nach den Kombi-Antrieben von Verbrennungs- und Elektromotoren in den USA derzeit boomt. Auch in Europa war die Nachfrage nach E-Automodellen zuletzt gesunken.

Beim Flugzeugbauer und Airbus-Erzrivalen Boeing ist die Produktion des Modells 737 MAX Insidern zufolge in den letzten Wochen stark gesunken. Grund seien verschärfte Kontrollen im Werk durch die US-Behörden, sagten Branchen-Insider der Nachrichtenagentur Reuters. Nach dem Beinahe-Unglück mit einer 737 MAX im Januar hatte die Flugaufsicht FAA Boeing eine Obergrenze von 38 neuen Jets pro Monat gesetzt. Den Insidern zufolge sank die Produktionsrate Ende März sogar auf einen einstelligen Wert.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 04. April 2024 um 09:00 Uhr.